Krautsalat, 7/11 und WA!

Geduscht, Wäsche gewaschen und in einem Bett geschlafen. Dinge die für Otto Normalverbraucher völlig normal sind. Wenn man allerdings ein Pfadfinder ist und man gerade Juli und August hat, absolut keine Selbstverständlichkeit. Da befinden sich nämlich die meisten Pfadfinder gerade auf Sommerlager. Die kleinen bei uns in Österreich, die älteren meistens im Ausland. Im Falle der Gruppe Graz 5 in Slowenien bzw. in Spanien.

Aller 4 Jahre allerdings findet irgendwo in der Welt ein sogenanntes „World  Scout Jamboree“ statt. Dabei finden sich Pfadfinder aus aller Welt für etwas mehr als eine Woche zusammen und leben in Zelten wie auf einem normalen Sommerlager. Der Rest ist alles andere als normal. Heuer fand das 23. World Scout Jamboree in Kirara-Hama statt. Kirara-Hama liegt in der Yamaguchi Präfektur im Süden Japans. Teilgenommen haben heuer 33.878 Pfadfinder aus 153 Ländern und Regionen die sich ab dem 25.7.  auf den Weg nach Japan gemacht haben. Ich persönlich war dabei einer von rund 8000 „ISTs“. Dem Internationalen Service Team und damit verantwortlich dafür, dass die 25.000 Teilnehmer reibungslose 10 Tage erleben.  Jeder von uns bezahlt also quasi Geld um freiwillig für fast zwei Wochen zu schuften. Viele Leute würden meinen, dass man verrückt sein muss um so etwas zu tun. Aber ich sag euch eines: es war JEDEN EINZELNEN Cent  wert und ich werde hoffentlich in 4 Jahren auch in den USA bei der 24. Ausgabe wieder dabei sein. Ein paar Eindrücke werd ich versuchen in Wort und Bild festzuhalten, obwohl es wirklich nicht einfach ist, so ein Großereignis „realitätsgerecht“ zu beschreiben.

Schon die Anreise aus Tokio war eine besondere, denn Yamaguchi ist rund 800km Luftlinie entfernt und um eine Nachtreise zu vermeiden hab ich mir mal ein Ticket für den berühmten Shinkansen gegönnt. Mit 320 km/h ging es in ungefähr 4 Stunden nach Shin-Yamaguchi. Eigentlich habe ich mir gedacht, dass ich schon im Shinkansen vielen Pfadfindern begegnen werde, allerdings war das Hauptpublikum in der Bullettrain alte Japaner, denen die lokalen Bahnen natürlich zu anstrengend sind. Am Bahnhof in Yamaguchi dann allerdings sofort Jamboree-Feeling. Von netten Japanischen IST wird man gleich Richtung Shuttlebus gewunken und im Bus befanden sich dann auch gleich andere IST aus Kanada, Uruguay und der Schweiz. Am Jamboree Gelände hab ich dann auch gleich zufällig den Rest des österreichischen Kontigents getroffen, die zufälligerweise grad vom Flughafen angekommen sind. Der Check-in ging überraschend schnell und es wurde sofort der Eindruck erweckt, dass die Japaner sehr gut organisiert sind. Wollte man meinen. Denn gleich am nächsten Tag beim Frühstück dann die Ernüchterung.  Eine Schlange über den ganzen Parkplatz und eine Wartezeit von einer Stunde. Damit war es dann auch nichts mit der Trainingseinheit, die für alle IST verpflichtend ist, um 9:00. Appropos Frühstück. Die Essensgestaltung war auch sehr eintönig und es gab jeden Tag Cornflakes und Brot mit entweder Würstchen oder Eierspeis. Und natürlich Krautsalat. Zu jeder Mahlzeit. Generell hatte man in vielen Belangen den Eindruck, dass sich die Japaner nicht wirklich gut auf ein „westliches“ Pfadfinderlager vorbereitet hatten. So gab es zum Beispiel bei den Toiletten keine Seifenspender, die Mülltrennungsstellen brauchten viel zu lang um aufgebaut zu werden, es gab viel zu wenige auf dem gesamten Lagerplatz und man hat generell an den falschen Orten eingespart und hingegen viel zu viele „nicht-pfadfinderische Elemente eingebaut“. Beispielsweise  wurden externe Foodcarts eingeladen, die den eigentlich berühmt-berüchtigten Foodhouses der verschiedenen Kontigente nur unnötige Kunkorrenz verschafften. Aber egal. Die Amerikaner werden es 2019 sicher anders anlegen.

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Nach dem Frühstück ging sich das nächste Training um 11:00 dann auch für mich aus. Ein paar nette Begrüßungsworte und generelle Regeln, die man sich eigentlich auch denken kann. Und dann wurde es spannend. 90% aller IST wussten ja schon vor dem Jamboree, in welcher Job Kategorie sei eingesetzt werden würden. Da mir allerdings im Vorfeld „Medical Professionals“ zugeteilt wurde und ich weder Doktor noch Krankenschwester bin, wusste ich natürlich nicht was mich erwarten würde. Also auf zu den Human Ressources und zur Jobteilung. Da es doch auch noch andere Menschen gab, die keinen Job hatten wurden in der Schlange dort auch die ersten netten Worte und Namen ausgetauscht. Unter anderem mit Mädels aus dem Libanon und Chile, einem Brasilianer und einem Portugiesen. Interessanterweise waren es die erste Kontakte, die sich bis zum Ende des Lagers hielten und zu Freundschaften wurden.

Bezüglich Jobs wurde ich schließlich zum Safety-Department geschickt, was mir auch sehr recht war, da dieses Department eines meiner drei Wunschdepartments waren. Durch das warten auf die Zuteilung habe ich allerdings das weiterfolgende Safetytraining verpasst und damit hieß es noch mehr warten. Die Zeit wurde dabei gut genützt um gleich mal die neuen Bekanntschaften aus der Schlange besser kennenzulernen und so wurde der erste „Arbeitstag“ mit den Mädels aus dem Libanon und einem Franco-Brasilianer (auch so etwas gibt es) quatschend und in der sonneliegend verbracht. Da das zweite Training erst um 18 Uhr war und die Eröffnungszeremonie für alle IST schon um 19 Uhr stattfand, wurden wir beim Safetytraining dann einfach gebeten morgen Früh wieder zu kommen, wo man uns dann in unsere Gruppen einteilen würde. Danke für nichts, Safetytraining.

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Da es keine wirklichen Infrastrukturen gab, in denen sich IST abends treffen und socializen konnten, musste ausgewichen werden und es wurde gleich einmal die nähere Umgebung erkundet. Als zwei sehr wichtige Entdeckungen sollten sich der „7/11“-24 Stunden-Supermarkt, aber auch ein kleines unscheinbares Beisl – betrieben von einer lieben, älteren, japanischen Dame (daher von uns auch liebevoll „Oma’s Beisl“ getauft) – herausstellen. Diese zwei Orte wurden durch Mundpropaganda nämlich schnell zu den beliebtesten „Hangoutspots“ für nächtliche Aktivitäten der IST.  Denn nach einem anstrengend Tag hat sich auch der brave IST ein Bierchen oder ein Strong Zero verdient. So haben sich dann regelmäßig bis zu 80 Leute vor dem 7/11 eingefunden. Inklusive Gitarre und Gesang. Irgendwo muss man ja Spaß haben dürfen. Nach ein paar Erfrischungsgetränken und leckeren gesalzenen Erbsen (beliebter Snack in Japan) am ersten Abend ging es dann auch ab in die Heia.

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Am nächsten Tag dann endlich die Zuteilung der Jobs. Begleitet von ein paar Stunden Wartezeit (wie sollt es anders sein?!)  wurde ich einer „Gate-Patrulle“ zugeteilt. Mit mir in der Patrulle: Honza aus Tschechien, Frederik aus Schweden, Leevi aus Finnland und Philip von den Philippinen (kein Witz!), der sich aber schon nach Tag von uns verabschiedete und seinen Job wechselte. Auch unser Arbeitsplan wurde uns ausgehändigt. Das Schema sah folgendermaßen aus: A – 6h Tagesschicht, B – 6h Nachtschicht, C – ein Tag frei, A, B, C usw. Wir hätten durchaus schlimmeres erwischen können, da wir so jeden dritten Tag frei hatten, eigentlich aber jeden zweiten, da nach der Nachtschicht auch noch der restliche Tag frei war.

Die Aufgabe unseres Jobs war dafür etwas weniger spannend. Eigentlich wäre ich lieber in einer Steward-Patrulle gewesen. Das sind die Herren und Damen die in Security-Westen am Lagerplatz herumlaufen und dafür sorgen, dass die kleinen Teilnehmer auch wirklich in den richtigen Zelten schlafen. Bzw. überhaupt schlafen! Als Gate-Patrulle bestand unsere Aufgabe hauptsächlich darin dafür zu sorgen, dass auch wirklich nur Menschen und Fahrzeuge auf den Jamboreeplatz kommen, die auch dorthin gehören. Um das zu gewährleisten, haben sich die Japaner heuer etwas besonders tolles einfallen lassen. Und zwar wurden an allen Gates (Nord, Süd, Main und Subgates 1-8) NFC-Boxen installiert, an denen jede Person mit ihrer Jamboree-ID ein- und auch auschecken musste. Da für Check-In und Check-Out unterschiedliche Boxen (Pink und Gelb) verwendet wurden, bestand unsere Aufgabe darin, den Leuten zu sagen, dass sie bitte bei Pink bzw. Gelb drüberstreichen müssen oder mit unseren „Verkehrslaserschwertern. Eine relativ eintönige Arbeit. Da aber unsere Gruppe eine recht gaudige war, hatten wir unseren Spaß und haben uns unterschiedliche Spielchen überlegt oder uns einfach kurzer Hand Leute mit Musikinstrumenten angehalten und sie aufgefordert uns ein Lied zum besten zu geben.

Natürlich gab es auch spannende Schichten. Zum Beispiel jene während der Opening Ceremony. Die haben wir dadurch leider nur von weitem mitverfolgen können, allerdings war die Stunde danach ein wahres Abenteuer, nachdem wir 8.000 Leute durch eine Mini-Schleuse bringen mussten. Just Safety things.

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Da wir auch Nachtschichten arbeiten mussten, war es immer recht schwer einen Schlafrhythmus zu finden und so wurde einfach versucht am Ende jeder Schicht ein bisschen Schlaf reinzubringen. Mitunter kein leichtes Unterfangen wenn es im Schatten sogar 35° Celsius hat. Im Zelt daher unmöglich, aber Gott sei Dank gab es auch nette schattige Wäldchen in denen ich meine Hängematte aufhängen konnte. Abgesehen von Schlaf wurde die Freizeit natürlich auch mit diversen Aktivitäten verbracht. Ein paar Auszüge: Jamboree World Football Championship mit Team UK gewonnen. Ausflug nach Yamaguchi zum Rurikoji Tempel und Heimat einer der wenigen 5-stöckigen Pagoden in Japan. Ausflug nach Hiroshima zum Peace Memorial Museum. Ultimate Frisbee spielen. World Food Festival genießen. Und natürlich Leute kennenlernen.

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Leute kennenlernen. Neue Kulturen kennenlernen. Neue Musik kennenlernen. Neue Freunde kennenlernen. Genau das macht den Reiz eines Jamborees für mich aus. Mich 6 Stunden an ein Tor stellen und Leute begrüßen kann ich in Österreich auch. Aber Menschen aus alle Ecken unserer Welt kennenzulernen schafft man in Österreich kaum und genau deswegen hoffe ich auch 2019 dabei sein zu können, wenn es dann in West Virginia (MOUNTAIN MOMMA!) heißt „Unlock a new world!“.

Meinen vorerst letzten Blogeintrag über die restlichen drei Wochen in Japan werde ich dann wohl schon aus der Heimat verfassen. Denn in einer Woche geht es dann zurück nach Österreich. Nach über 13 Monaten. Ich will’s eigentlich gar nicht schreiben.Aber freuen tu ich mich jetzt doch schon SEHR (Hallo Mama!)

Bis dahin, bussis und haltet’s die Ohren steif. <3

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