Der chinesische Kreis, römische Soldaten und Harry Potter

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Der Alltag ist nach der Golden Week wieder eingekehrt aber in Beijing heißt das glücklicherweise nicht gleichzeitig Langeweile. Unter der Woche bleibt zwar meistens ob des langen Arbeitstages (dazu mehr weiter unten) nicht viel Zeit oder Restenergie um großartige Dinge zu unternehmen aber dafür lassen sich die Wochenenden umso spannender gestalten. Vor allem das sogenannte Leben vong Night her (Jugendwort 2017!?) ist sehr lebendig und bietet allen was.

Zum einen wäre da die Sanlitun (spreche Sanlitörr) Road, in der sich Bar an Bar reiht und wo eigentlich täglich Liveauftritte und andere Showeinlagen für Unterhaltung sorgen (wenn ihr versteht was ich meine..). Bis vor zwei Jahren gab es gleich daneben auch noch die berühmte Sanlitun Bar street, die aber mittlerweile dem Erdboden gleich gemacht wurde und dem Sanlitun Village weichen musste, ein modernes „OpenAir“ Shopping Center. Nicht weit entfernt steht das Gongti. Das Arbeiterstadion in Beijing, in dem in den 60er Jahren noch öffentliche Hinrichtungen stattfanden, das heutzutage aber hauptsächlich eine Veranstaltungsarena für Konzerte und die Heimat des Bundesliga Klubs Beijing Guoan ist. Rund um das Stadion befinden sich die großen Clubs Beijings. Mix, Vic’s, Circle, Elements, Sirteen (heißt tatsächlich so und nicht etwa Thirteen) und das neueröffnete 1/3 (gehören dem gleichen Besitzer) versuchen sich mit den besten Djs, Lightshows und Angeboten gegenseitig auszustechen. Wirklich interessant und auch ein wenig bedenklich ist, dass hier fast eine Rassentrennung herrscht. Finanziert werden diese Clubs nämlich hauptsächlich durch reiche, schnöselige Chinesen die das High-Life genießen. Die Tische und Couches werden größtenteils an ebensolche vermietet und es türmen sich (vermeintlicher) Markenalkohol, Snacks und Co. auf den Tischen. Wer 6 Flaschen Belvedere Vodka oder Dom Pérignon bestellt, bekommt diese im Sirteen zum Beispiel von, als römischen Legionären verkleideten, chinesischen Angestellten in einer Sänfte serviert – Laser-Helebarden inklusive. Auf den Couches hinter den Tischen tanzen ausgelassen knapp bekleidete Chinesinnen mit ihren Begleitern. Generell ist es bum-voll und alle sind bum-zua. Wer von diesem Spektakel profitiert? Natürlich wir Ausländer. Jeder dieser Clubs stellt nämlich mehrere sogenannten PRs an – public relations manager die dafür sorgen, dass auch genug Weiße ihren Weg in die Clubs finden, die wiederum attraktiv für die high-society Chinesen sind. Eine groteske Partysymbiose… Was dabei raus springt ist meist freier Eintritt, gratis (minderwertiger) Alkohol die ganze Nacht (wobei mehr als drei Gläser davon selbst bei meinem Saumagen für einen Sonntag am Keramikthron sorgen), enger Körperkontakt mit 1000 Chinesen und mit viel Glück auch noch ein Tinnitus vom ultrastarken Soundsystem. Sicher nicht jedermanns Sache aber für Zwischendurch kann das auch ganz lustig sein. Ich habe mir erzählen lassen, dass sich diese Clubs meistens maximal so um die 4 Jahre halten, da jedes Jahr neue Clubs eröffnet werden und alte ersetzen bis diese wieder ersetzt werden usw. usf. You get the point.

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Achtung, Sound bei den Videos!! (RIP Headphone user)

Wem die Clubberei zu viel ist dem sagt vielleicht die aufsteigende Chinesische Brauereiszene mehr zu. Mittlerweile gibt es in China nicht mehr nur TsingTao oder Harbin. Viele Brauereien brauen ihre eigenen Craft Biere und machen das auch wirklich gut. Vergangenes Wochenende veranstalteten beispielsweise 8 chinesische Brauereien in Kooperation mit 8 Brauereien von der amerikanischen Westküste eine Verkostung und stellten ihre Biere vor. „Leider“ habe ich es nicht dorthin geschafft weil schon ein anderes Event ausgemacht war: Quasi als Gegenveranstaltung gab es von der Great Leap Brauerei (mit drei Standorten in Peking eine der am besten laufenden Brauereien) die soganannte Carl Long Challenge. Für 300 RMB, also rund 40€ durfte man sich an 15 verschiedenen Craft Beers, mit einem durchschnittlichen Alkoholgehalt von 6,7%, laben und bekam für einen komplett bestempelten Sammelpass auch noch ein T-Shirt als Draufgabe dazu. Ein absolutes Schnäppchen und gemeinsam mit 2 Arbeitskollegen stellte ich mich letzten Samstag der Herausforderung. Von IPAs, über Stouts und Weißbier bis hin zum Porter war hier alles zu trinken, was die Bierliebhaber-Leber begehrt. Mit Hilfe von Pizza und einem Powernap zwischendrin (#sleepingjakobcollection) war auch ich am Ende des Abends glücklicher Besitzer eines Great Leap T-Shirts. Mein persönlicher Favorit des Abends: Banana Wheat Beer, also Weizen mit Bananennote.

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Ein weiteres nächtliches Highlight der letzten Wochen war der British Ball, veranstaltet von der Britischen Botschaft. Ein sehr begehrtes und auch nicht ganz billiges Event. Da ich ja aber für die British School of Beijing arbeite, konnten wir etwas vergünstigte Tickets über unser Schulkomitee bekommen. Ich ließ es mir nicht nehmen und ließ mir zum Anlass auch extra einen Smoking schneidern. Dachte ich zumindest… Geworden ist es dann ein waschechter Frack, aber Genen sei Dank sehe ich auch als Pinguin umwerfend aus. Mit Bomben-Begleitung (Buziacki Kochanie :*) war es, nicht nur wegen dem Motto des Abends „Harry Potter“, wirklich ein magischer Abend. Kein Österreichischer Ball auf dem ich bis jetzt war, könnte auch nur annähernd mit der Detailliertheit und dem tollen Programm mithalten. Ein paar Highlights: Open Bar mit Zaubertrank – Cocktails (Felix Felicis mit Rum als mein persönlicher Favorit), Schoko-Frösche und Schnatz-Pralinen für zwischendurch, ein super 4 Gänge Menü mit dem bisher einzigen, wirklich guten Steak in China (Medium Rare mjamjam), ein Auftritt unseres Schulchors, Auktion und einem Survivors Breakfast um 3 Uhr Früh mit Speck, Eiern und Röstinchen. Auch das ’socializen‘ mit den anwesenden Kollegen war eine wirklich nette Angelegenheit. Und zur Abwechslung war ich einmal nicht der Kollege, der im Foyer ein Schläfchen einlegen musste! #proudofmyself

PS: Natürlich wurde ich nach Huff le Puff gesteckt 😀 Der sprechende Hut weiß doch, was gut ist!

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Wer aber denkt, der Jakob feiert und sauft ja nur, der hat falsch gedacht (irgendwie habe ich gerade ein Deja-vous von meiner Zeit in den USA)! Unter der Woche passiert natürlich auch so einiges. Viel zu tun ist es nach wie vor aber nach fast 3 Monaten ist bei mir auch schon ein wenig Routine eingekehrt. Meine fleißigste Leserin – die Mama, wer sonst!? – hat sich auch ein bisschen mehr Infos zum Schulalltag gewünscht. Das soll ihr natürlich nicht verwehrt bleiben. (Ich hab dich absichtlich zuerst die Wochenendgeschichten lesen lassen :*)

Wobei von Schulalltag kann eigentlich kaum eine Rede sein. Zu viele Dinge passieren Woche ein, Woche aus.

Ich hab ja schon bei meinem vorletzten Blogeintrag ein bisschen was erzählt. Die British School of Beijing, Shunyi ist eine internationale Privatschule. Diese Internationalität wurde Mitte Oktober auch bei einem International Day zelebriert. An dieser Stelle muss man wirklich sagen: Hut ab! So ein Event in einer Schule auf die Beine zu stellen erfordert sicher einiges an Hirnen und Budget. Da aber die Unterstützung der Eltern vorhanden ist, lässt es sich gemeinsam sicher leichter bewerkstelligen. Wie sieht so ein International Day mit 900 Schülern dann aus? Eröffnet wurde durch eine gemeinsame Zeremonie, eingeläutet von einem Chinesischen Drachentanz gefolgt von einer Parade über den Sportplatz bei der jede der insgesamt 50(!) Nationen extra erwähnt wurde und einmal fahne-schwenkend in die Kamera lächeln durfte. Im Foyer und im Turnsaal hatten inzwischen die teilnehmenden Eltern Stände zu ihren Nationen aufgebaut, bei denen natürlich typische Gerichte verkostet wurden und verschiedene Aktivitäten zu absolvieren waren. Die Volksschulkinder erhielten dafür einen „International Day Reisepass“ und bekamen Stände vorgegeben die sie besuchen, und über die jeweiligen Länder Informationen eingeholt werden mussten. Da man aber nicht 900 Kinder gleichzeitig herumschicken kann, wurde das gestaffelt und jeder Jahrgang hatte eine Unterrichtsstunde Zeit. Die restliche Zeit wurden die Kinder in den Jahrgangsstufen mit unterschiedlichen Aktivitäten bespaßt (z.B. Jodelkurs oder Irish Dancing) Untermalt wurde das ganze dann noch von verschiedenen Tanzeinlagen. Die deutsche Grundschule präsentierte beispielsweise einen Zillertaler Hochzeitsmarsch (man merkt, dass 3 der 4 Lehrer hier Österreicher sind muhaha). Koreanische Mädchen führten einen Fächertanz vor und die zwei slowakischen Schwestern gaben eine Kür der rhythmischen Gymnastik zum Besten. Im Großen und Ganzen wirklich ein cooles Event, das natürlich auch für potentiell neue Eltern und Firmen etwas hermacht.

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Generell wird das Schuljahr immer wieder von solche Events geschmückt, bzw. unterbrochen, je nachdem wen man fragt. Solche Events waren auch die sogenannte STEAM-Week und Curiosity Challenge, die in zwei Wochen nacheinander stattfanden. STEAM steht für Science, Technology, Engineering, Arts und Math und wird z.B. vor allem in Kooperation mit dem MIT in Boston veranstaltet und setzt einen wissenschaftlichen Schwerpunkt in Schulen. Das sieht dann de Facto so aus, dass sich jeder Lehrer unseres Jahrgangs (mit mir 5) eine passende Aktivität ausdenkt und jeden Tag zwei Schulstunden eine andere Klasse zu Gast hat. Bei mir durften die Kinder beispielsweise Papierraketen basteln, die wir dann mit einer Abschussvorrichtung, ausgeliehen vom Science Department, bis zu 50m in die Luft jagten. Bei Kollegen wurden Brücken gebaut oder Eisstäbchenexplosionen konstruiert.

Die Curiosity Challenge ist wiederum ein Projekt, bei dem die Neugierde der Kinder geweckt werden soll. Zu einem bestimmten Themengebiet (in unserem Fall Körper & Geist) sollen die Kinder sich selbst Fragen ausdenken, zu diesen Fragen eigenständig recherchieren und im Rahmen einer ’science fair‘ den Mitschülern und auch Eltern die Ergebnisse präsentieren. Die Plakate und PPTs sind dann mehr oder weniger ansehnlich, wie viel dabei wirklich gelernt wird ist allerdings die Frage.

Solche Dinge sind zwar einerseits für die SchülerInnen sicher ein absolutes Highlight und machen sich eben aus Marketing-Sicht nicht schlecht, bringen aber leider so manch einen in die Lehrplan-Bredouille, weil man wirklich viel Zeit verliert.

Da jetzt aber auch schon bald die Zeugnisse für das erste Trimester anstehen, wird jetzt erst einmal gebüffelt und kommende Woche werden dann auch mal zwei Klassenarbeiten in Mathe und Deutsch geschrieben. Weil das alles ja nicht genug ist, müssen alle Lehrer im Rahmen des „professional learnings“ auch noch dazu mit der Direktion insgesamt 5 pädagogische oder professionelle, persönliche Ziele vereinbaren, die dann im Laufe des Schuljahres hoffentlich von jedem einzelnen erreicht werden. Von 22 Stunden Arbeit und Dienstag Mittag Spritzwein trinken ist also keine Rede und generell hat man wirklich wenig Zeit zum Durchatmen. Den Spritzwein (oder eben 15 Craft Biere) gibt’s dann erst am Wochenende. Die Zeit lustige Aktivitäten am Wochenende zu unternehmen, zu relaxen oder irgendwo hin zu fahren muss man sich nehmen weil sonst brennt man, glaube ich, schneller aus als ein Weihnachtsbaum im Osterfeuer.

So schließt sich dann der Kreis der chinesischen Woche und das Jahr des Hahnes vergeht wie im Flug. Ich kann es eigentlich gar nicht glauben, dass es schon nur mehr 5 Wochen bis zu den Weihnachtsferien sind. Bis dahin gibt es aber noch einiges zu tun. Nächstes Wochenende geht es (hoffentlich) nach Shanghai und Anfang Dezember gibt es dann das erste Mal Besuch in unserem kleinen aber feinen Domizil. Dafür dann gleich aber doppelt: Javier und Erika, die uns aus Tokio besuchen kommen bzw. mein Bruderherz, der seineszeichens vor kurzem auf eine Weltreise aufgebrochen ist, werden uns Anfang Dezember mit ihrer Anwesenheit beehren. Langweilig wird es also nicht, im fernen Osten. Der nächste Blog kommt dann wohl, wenn die werten Gäste wieder weg sind. Bis dahin, lasst es euch gut gehen. Bussis aufs Bauchi, euer friendly neighbourhood bear! <3

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